Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Kartographie (DGfK) zur Resolution der UN Generalversammlung vom 04.09.2026
Am Freitag, am 4. September 2026, wurde eine Resolution von der UN Generalversammlung verabschiedet, die von mehr als 50, mehrheitlich afrikanischen, Staaten eingebracht worden war. Die Resolution mit dem Titel „Die Karte korrigieren“: Neugewichtung der weltweiten kartographischen Darstellung und Förderung einer ausgewogenen Darstellung der Regionen der Welt, insbesondere Afrikas“[1] fordert „eine breitere Nutzung flächenwahrender Kartenprojektionen, insbesondere der „Equal Earth“-Projektion“, vor allem in Kontexten, in denen die relative Größe der Kontinente eine Rolle spielt. Der Repräsentant Togos erklärte dazu, dass “die Karte zu korrigieren bedeutet anzuerkennen, dass jede Region der Welt es verdient, genau und in Würde dargestellt zu werden“.[2]
Sichtbarkeit und Würde für alle Staaten der Welt als kartographisches Problem
Es ist unbestritten, dass Karten wichtige und Weltbild prägende Mittel sind. Insbesondere durch ihre visuelle Prägnanz und Wirkmacht beeinflussen Karten wesentlich, wie wir die Welt sehen. Ebenso unbestritten ist, dass die ursprünglich für Navigationszwecke entwickelte Mercatorprojektion insbesondere im 19. und frühen 20. Jahrhundert in Bildungsmedien und für koloniale Expansion eingesetzt wurde. Heutzutage verwenden viele Webkarten den Mercatorentwurf aufgrund seiner formentreuen Abbildungseigenschaften als Standard. Beides führte und führt zu einer weiten Verbreitung und prägt damit das Bild von der Welt. Doch Projektionen sind nur eines von mehreren Mitteln der Kartographie, um Territorien und Raumausschnitte der Welt in den Fokus zu rücken, ihnen zu Sichtbarkeit zu verhelfen.
Einseitige Kommunikation lässt das wichtige Anliegen verschwimmen
Doch die Kommunikation über diese Resolution ist einseitig. Nicht nur in der deutschsprachigen Berichterstattung wird verkürzend davon gesprochen, dass die UN-Vollversammlung für „eine neue“ (Tagesschau) bzw. „realistischere“ Weltkarte (Die Zeit) stimmt. Der Spiegel schreibt von einer „Reform der Weltkarte“, der Stern titelt „Offizielle Weltkarte wird geändert“ und laut Frankfurter Rundschau könnte „UN-Abstimmung […] die Weltkarte für immer verändern“.
DIE Weltkarte? Es gibt nicht DIE EINE Weltkarte.
Es sollte allen bewusst sein, dass:
Viele dieser Punkte wurden bereits Anfang 2026 in einem Factsheet der Kommission für Kartenprojektionen der Internationalen Kartographischen Vereinigung zusammengestellt. [3]
Die Resolution mit sehr differenzierten Darstellungen
Die meisten der oben genannten Punkte werden in der eingebrachten Resolution sehr differenziert angesprochen. Es ist sehr empfehlenswert den Resolutionstext genau zu lesen.[4] Beispielsweise wird anerkannt, „dass im Laufe der Zeit eine Vielzahl von Kartenprojektionen entwickelt wurde, die auf unterschiedlichen Methoden beruhen und unterschiedliche kartographische Eigenschaften bewahren, dass keine einzelne Projektion die gekrümmte Oberfläche der Erde perfekt auf einer Ebene abbilden kann, und dass jede Projektion daher für bestimmte Zwecke geeignet ist“.[5] Gleichzeitig wird deutlich gemacht, „dass sich die vorliegende Entschließung insbesondere auf Projektionen bezieht, die die relativen Größen der Regionen der Welt und die proportionale Darstellung ihrer Flächen bewahren, und dass sie die etablierte Praxis hinsichtlich der Verwendung von kartographischem Material für Navigationszwecke unberührt lässt“.[6]
Lediglich die Aussage, dass „nach wie vor [die Mercatorprojektion] häufig in Bildungs-, Medien-, digitalen und behördlichen Materialien verwendet“ wird, scheint alle Bemühungen und Entwicklungen des 20. Jahrhundert in öffentlichen Einrichtungen zu negieren. Andererseits lässt sich gerade jüngst beobachten, dass in sozialen Medien Karten gepostet werden, die aus dem Kontext gerissen werden – auch in Mercatorprojektion.
Plädoyer für Vielfalt
Wissen entsteht durch Vielfalt und die kritische Einordnung verschiedener Sichtweisen. Gerade in der Bildung bedarf es verschiedenster Projektionen, deren jeweiliger Zweck erlernt werden muss. Die Nutzung einer einzigen „neuen“ Projektion wird diesem Ziel ebenso wenig gerecht, weil damit nur eine einzige Sichtweise gelehrt würde. Gleichzeitig wurde bereits angedeutet, dass zur Erstellung einer Karte vielfältige Entscheidungen zu treffen sind und es verschiedenste Möglichkeiten gibt, ein Territorium oder einen Raumausschnitt in den Fokus zu rücken. Der Fokus auf die Projektion allein hilft hier nicht weiter. Zusätzlich kann und muss über die Orientierung der Karte entschieden werden: Wir sind durch jahrelanges Training so an eine Nordausrichtung gewöhnt, dass es uns schwerfällt, uns die Welt anders vorzustellen, Räume in anderer Orientierung überhaupt zu erkennen. Ebenso muss über die Zentrierung einer Karte entschieden werden, gerade bei Weltkarten. Europa und Afrika müssen nicht in der Mitte der Karte liegen, das Zentrum kann ebenso Asien, Australien oder Amerika zeigen, oder einen der großen Ozeane. Das alles wurde mehrfach versucht, blieb aber bei Ausnahmen. Gerade im Bildungsbereich sollte das Verständnis von Vielfalt auf unserer Welt bspw. durch vielfältige Darstellungsweisen und Irritation entwickelt werden, die Hinterfragen und Nachdenken auslösen.
Vergleichbar vielfältig kann auch der Antrag von Togo und den anderen Staaten gelesen werden. Es geht nicht einseitig um DIE richtige Projektion, sondern um Aufmerksamkeit für die Wirkmacht von Karten und eine „ausgewogenen Darstellung der Regionen der Welt“.
Vorstand der DGfK
[1] im Original: „Correct the map”: rebalancing global cartographic representation and promoting equitable representation of the world’s regions, particularly Africa
[2] im Original: Correcting the map means recognizing that every region of the world deserves to be represented accurately and with dignity (UN Meetings Coverage and Press Releases (04.09.2026). Eightieth Session, 114th & 115th Meetings (AM & PM), GA/12779, General Assembly Adopts Text to ‘Correct the Map’, among Others Proclaiming Decade of Culture for Sustainable Development, Child Marriage Elimination Day (https://press.un.org/en/2026/ga12779.doc.htm)).
[3] siehe dazu Gastner, M. T. and Kerkovits, K. (2026). Choosing World Map Projections: When Equal-Area Is Appropriate (and Why There Is No Single “Correct” Projection). International Cartographic Association (https://icaci.org/factsheets/).
[4] UN (2026). Draft resolution “Correct the map: rebalancing global cartographic representation and promoting equitable representation of the world’s regions, particularly Africa” (document A/80/L.104, https://docs.un.org/A/80/L.104).
[5] im Original: „Recognizing that a variety of map projections have been developed over time, using different methods and preserving different cartographic properties, that no single projection can perfectly represent the curved surface of the Earth on a plane, and that each projection is therefore suited to particular purposes, …“ (wie FN 4, S. 2)
[6] im Original: „… while noting that the present resolution is particularly concerned with projections that preserve the relative sizes of the world’s regions and the proportional representation of their surface areas, and is without prejudice to the established practice with regard to the use of cartographic material for navigational purposes.“ (wie FN 4, S. 2)